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Klischee und Wirklichkeit

Zur Ausstellung Klaus Wieners im Todtmooser Rathaus 2011

Schwarzwaldaugen Thumb
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Jede Landschaft hat ihre Klischees. Und in jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit, das Kulturhistoriker oder Volkskundler oft wie Goldsucher in mühevoller Kleinarbeit aus dem Sand der Vorurteile waschen. Manchmal entstehen Klischees aus historischem Anlass, wie die bei uns verbreitete Schimpf-Rede vom Sauschwaben und Kuhschweizer. Sie stammt aus dem Mittelalter und hängt eng mit dem Freiheitskampf der Eidgenossen zusammen und ihren Konflikten mit den nördlichen Nachbarn.

Will man jedoch dem Bollen-Hut- und Schwarzwaldmädel-Syndrom auf die Spur kommen, braucht man gar nicht so weit zurück in die Vergangenheit zu gehen. Dass der Bollenhut zur volkstümlichen Ikone, ja zum Inbegriff des Schwarzwalds wurde, hängt mit drei Namen zusammen: Wilhelm Hasemann, Leon Jessel und Sonja Ziemann. Bei allen Dreien handelt es sich um Nord- bzw. Ostlichter bzw. Herzblut für den Schwarzwald. Hasemann, 1850 in Mühlberg an der Elbe geboren, war Gründer der Gutacher Malerkolonie, Weggefährte Heinrich Hansjakobs und der wohl bedeutendste Illustrator des Schwarzwaldlebens. Er machte den Bollenhut, den es nur im engen Raum um Gutach als Bestandteil der Tracht gibt, durch seine Bilder in Deutschland so bekannt, dass viele Menschen diese Kopfzierde schlechthin mit dem Schwarzwald identifizieren. Zu ihnen zählte der 1871 in Stettin geborene Komponist Leon Jessel, der mitten im 1. Weltkrieg seine Operette „Das Schwarzwaldmädel“ zu einem Liberetto von August Neidhardt komponierte und am 25. August 1917 in der Komischen Oper Berlin zur Aufführung brachte. 6000 mal wurde es weltweit allein in den folgenden 10 Jahren aufgeführt, u.a. am Teatro Colisio in Buenos Aires. Doch rettete dies den Komponisten nicht vor dem Tod im Gefängnis der Berliner Gestapo. Der Bollenhut jedoch wurde seiner Form entsprechend mit Jessels Operette global. Und als schließlich 1926 in Eichenwalde bei Berlin geborene Sonja Ziemann ihn 1950 an der Seite von Rudolf Prack im legendären „Schwarzwaldmädel“ auf ihrem überaus hübschen Kopf trug, war das Klischee so gefestigt, dass es als Wahrheit galt. Das Klischee vom Bollenhut und Schwarzwaldmädel ist somit Kunstprodukt, ja in gewisser Weise sogar ein Gesamtkunstwerk, bei dem Malerei, Operette, Literatur und Film eng zusammengewirkt haben. In ihm spiegelt sich – insbesondere nach dem 2. Weltkrieg – die Sehnsucht nach der heilen Welt, der unstillbare Wunsch nach der reinen Idylle, das Verlangen nach ungebrochener Tradition und heimatlicher Geborgenheit wider.

Ob wir das gut oder schlecht finden, kritisch betrachten oder bejahen, ist im Grunde belanglos. Fest steht, dass der Mythos vom Schwarzwaldmädel mit dem Bollenhut eine ziemlich feste Statur hat, die für Beharrungsvermögen sorgt. Wer den Namen Hasemann, Jessel und Ziemann begegnen will, muss schon ein echtes Pfund in die Waagschale werfen. Natürlich sind der Bollenhut und der ganze Schwarzwaldkitsch (Stichwort Schwarzwaldklinik) immer wieder Zielscheibe von Satire und Parodie gewesen. Kaum ein Kabarettist mit Südwest-Anbindung, der nicht schon einmal mit seinen Pfeilen auf einen oder mehrere der 14 Bollen des gleichnamigen Hutes geschossen und getroffen hätte. Aber das ist bei solch einem großen Ziel nicht schwer und nur Tagesgeschäft, das zwar als steter Tropen den Stein des Klischees höhlt, aber nicht im Sinne eines Schwergewichts gelten kann.

Weit über den Tag hinaus wird jedoch der 50 Arbeiten umfassende Schwarzwaldmädelzyklus Klaus Wieners Bestand haben als bisher unvergleichliche Auseinandersetzungen mit dem Bollenhutklischee, als Antwort auf jene Fragen, die wir stellen müssen, wenn wir den Namen Hasemann, Jessel und Ziemann als Repräsentanten der Schwarzwald-Mädel- und Bollenhutromantik begegnen, ja überhaupt als mögliche Antwort auf die Frage, wie wir uns im Schwarzwald inmitten des Spannungsfeldes aus Traditionen und globalisierten Leben bewegen können. Wieners Zyklus ist so einzigartig, dass er es spielend mit 150 Jahren Schwarzwaldklischee aufnimmt.

Wie im Falle von Hasemann, Jessel und Ziemann stand Wieners Wiege nicht auf dem Feldberg. Der Künstler zählt zu den Nord- oder besser gesagt Ostlichtern mit Herzblut für den Schwarzwald, wurde 1947 in Frankenberg/Sachsen geboren, landete aber im Süd-Westen und studierte 1971 bis 1976 an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Er gründete 1988 in Bühl die private Kunstschule für pluralistische Malerei und begann im selben Jahr mit der Arbeit am Schwarzwaldmädelzyklus, den er 1990 abschloss – ein gewaltiges und komplexes Werk, das eine ganze Doktorarbeit im Fachbereich Kunstgeschichte wert wäre. Wiener beschreibt seine Motivation folgendermaßen: „Als Außenstehender, nicht im Schwarzwald aufgewachsen, nun aber hier lebend und heimisch geworden, wollte ich mehr über diese Schwarzwaldmädel wissen. Ich hinterfragte alles und wurde neugierig. Wer oder was verbarg sich hinter diesem Schwarzwaldmädel und dieser Tracht? Welche Ursprünge gab es, ja wer steckte in diesen schönen Kleidern? Dabei merkte ich bald, dass es sich hier um eine gewachsene Tradition handelt, und die Frauen, die diese Kleider tragen, ganz normale Frauen sind, emanzipiert, modern denkende Wesen, die im Alltag in unserer Industriegesellschaft die unterschiedlichsten Berufe ausüben und keine Theaterpuppen sind. Zu gegebenen Anlässen aber ihre traditionelle Tracht anziehen und sich selbstbewusst damit zeigen.“

„Keine Theaterpuppen“ – wir spüren sofort, dass Wiener zwar ein akademisch gebildeter Künstler ist, dass sein Schwarzwaldmädel-Zyklus aber mitten im Leben ansetzt, ganz und gar unakademisch. Nicht nur das Theater, nicht das Film-Klischee, nicht die Operetten-Seligkeit ist sein Ausgangspunkt, sondern die ganz reale Trachtenträgerin, die Frau, die hinter dem Klischee steckt. Und doch wird uns sofort klar, dass er, wenn er diesen Ausgangspunkt wählt, an der „Theaterpuppe“ nicht vorbeikommt. Denn das Klischee vom Schwarzwaldmädel mag zwar in der theatralischen Scheinwelt eines Jessel oder der Traumwelt einer Ziemann entstanden sein – es hat aber auf die reale Trägerin der Tracht zurückgewirkt. Klischees sind nun einmal Klischees, weil sie sich in den Köpfen aller oder zumindest einer großen Mehrheit festgesetzt haben und so das Denken und Fühlen bestimmen. Wie einengend das Image vom Vorbild einer Sonja Ziemann viele Frauen ins enge Mieder der Illusionen gezwängt hat, die so sein wollten wie sie. Aber so einfach funktioniert das Bild wiederum auch nicht. Wenn wir uns die Bollenhut-Trägerinnen genauer anschauen, erkennen  wir deutlich dass sie keineswegs das Schicksal von Ölsardinen teilen wollen. Sie sind keine klischierte Massenware, drängen vielmehr aus der Dose heraus, sind pluralistisch gestaltet, haben mit dem Klischee nicht viel mehr zu tun.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Wiener – ich wünschte mir, Todtmoos hätte 20.000 Einwohner und ein Rathaus mit so langen Gängen, dass alle der 50 Bilder des Zyklus in ihnen Platz hätten. Dieses grandiose bildnerische Gesamtkunstwerk ist weit mehr als eine Auseinandersetzung mit einem 150 Jahre alten Klischee. Es ist eine Gesamtschau, ein einzigartiges Werk, das alle Probleme, denen sich Frauen, aber auch Männer im Schwarzwald heutzutage konfrontiert sehen, in ganz unterschiedlichen Tonlangen enthält. Es wird Bestand haben über unsere Zeit hinaus als überragendes Zeugnis der Kultur im Schwarzwald, als Dokument der Pflege unserer Tradition, als Kunstwerk, das die Stimmen unserer Zeit zum Klingen bringt, gleichermaßen die Fragen beantworten, indem es die Antwort befragt.

Dr. Reinhard Valenta
11. Februar 2011

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